Personzentrierte Weiterbildung 
Jennifer Angersbach zertifiziert durch die GwG e.V und DGfB e.V.

Intimität in der Paarberatung: Wenn Anpassung Nähe erschwert

Paare, die sich kaum streiten, beschäftigen mich in der Beratung manchmal mehr als diejenigen, bei denen es regelmäßig knallt. Hinter einer auffallend harmonischen Beziehung sitzen nämlich manchmal zwei Menschen, die sich längst nicht mehr trauen, einander wirklich zu begegnen. Sich zu zeigen und zu öffnen und ja, vielleicht auch sich dem Anderen 'zuzumuten'. Sie achten auf ihre Worte. Sie nehmen Rücksicht. Sie vermeiden alles, was den anderen verletzen oder verunsichern könnte. Von außen wirkt das ausgesprochen fürsorglich.
Und irgendwo zwischen all dieser Fürsorge geht etwas verloren: die eigene Wahrnehmung, das eigene Bedürfnis, die Möglichkeit, anders zu sein und auch die Möglichkeit zu wachsen, mit und aneinander.
Spätestens wenn Sexualität zum Thema wird, zeigt sich diese Dynamik häufig besonders deutlich. Da ist von fehlender Lust die Rede, von Druck, von Rückzug oder dem Wunsch, sich endlich wieder fallen lassen zu können.


Doch wie soll sich jemand fallen lassen, wenn schon das Aussprechen eines eigenen Bedürfnisses die Beziehung ins Wanken zu bringen scheint?

Wenn Anpassung mit Liebe verwechselt wird

Ich bediene mich ja gerne fiktiver Beispiele. Wir nennen ihn Sebastian. Er erzählt seiner Schwester, dass ihn etwas an seiner Beziehung zunehmend irritiert. Seine Partnerin hört inzwischen vor allem die Musik, die er mag. Statt ihren eigenen Sport zu machen, geht sie mit ihm joggen. Freundinnen trifft sie meistens dann, wenn er ohnehin keine Zeit hat. Sie möchte ihm damit vermutlich zeigen, wie wichtig er ihr ist. Vielleicht erlebt sie ihre Anpassung sogar als Ausdruck von Verbundenheit. Sebastian erlebt etwas anderes. Er hat zunehmend das Gefühl, für ihr Wohlbefinden verantwortlich zu sein. Für ihre Freizeit, ihre Stimmung, ihre Zufriedenheit. Und je mehr sie sich an ihm orientiert, desto weniger kann er erkennen, wer ihm da eigentlich gegenübersteht. Seine Schwester findet daran zunächst nichts ungewöhnlich. In einer Beziehung nehme man eben Rücksicht und verzichte auch mal auf etwas. Klar. Es macht nur einen Unterschied, ob ich auf einen Abend mit Freund:innen verzichte, weil ich wirklich Lust habe, Zeit mit meinem Partner zu verbringen, oder ob ich zu Hause bleibe, weil ich Angst vor seiner Enttäuschung habe. Von außen kann beides gleich aussehen. Im Inneren passiert etwas völlig anderes. Im ersten Fall treffe ich eine Entscheidung, die zu meinem Bedürfnis passt. Im zweiten versuche ich, eine mögliche Verunsicherung zu vermeiden. Ich orientiere mich weniger an mir als an der Frage, was notwendig sein könnte, damit die Beziehung stabil bleibt.
Und selbstverständlich lässt sich von außen nicht beurteilen, was auf Sebastians Partnerin zutrifft. Wir kennen ihre Perspektive nicht. Vielleicht mag sie das Joggen inzwischen tatsächlich. Vielleicht hat sich ihr Freundeskreis verändert. Vielleicht erlebt sie gemeinsame Interessen als etwas Bereicherndes.

Die entscheidende Frage ist nicht, wie viel Zeit ein Paar miteinander verbringt. Entscheidend ist, ob beide innerhalb dieser Nähe noch vorkommen.

Das verständliche Bedürfnis, nicht verlassen zu werden

Anpassung entsteht selten grundlos. Wer früh erlebt hat, dass Zuwendung vor allem dann verfügbar war, wenn er unkompliziert, hilfsbereit oder leistungsfähig gewesen ist, entwickelt womöglich ein sehr feines Gespür für die Erwartungen anderer Menschen. Das kann nach außen ausgesprochen kompetent wirken.Der Mensch merkt sofort, wenn die Stimmung kippt. Er spürt, wann jemand angespannt ist. Er findet die richtigen Worte, übernimmt Verantwortung, entschärft Konflikte und hält den Betrieb am Laufen. Bis irgendwann die eigene Reserveleuchte hektisch blinkt. Denn dieses Gespür ist nicht zwangsläufig mit der Fähigkeit verbunden, die eigenen Bedürfnisse ebenso deutlich wahrzunehmen. Manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall: Je stärker ich damit beschäftigt bin, die Stimmung meines Gegenübers zu beobachten, desto weniger Kontakt habe ich zu mir selbst. Das muss nicht in der Kindheit begonnen haben. Auch spätere Beziehungen können Menschen beibringen, dass sie mit bestimmten Gefühlen besser hinter dem Berg halten. Wer immer wieder erlebt, dass Traurigkeit mit Ungeduld beantwortet wird, Wut zu Rückzug führt oder ein Bedürfnis nach Abstand sofort als Ablehnung verstanden wird, beginnt womöglich irgendwann, sich anzupassen. Nachvollziehbar.
Wenn Beziehung sich nur unter bestimmten Bedingungen sicher anfühlt, versuchen wir, diese Bedingungen aufrechtzuerhalten: Wir schlucken Ärger herunter. Wir erklären uns besonders vorsichtig. Wir übernehmen Aufgaben, obwohl wir erschöpft sind. Wir sagen Ja, obwohl wir eigentlich Nein meinen. Und irgendwann wundern wir uns darüber, warum wir uns in einer Beziehung einsam fühlen, obwohl der andere doch direkt neben uns sitzt.

Das Verbergen eigener Gefühle und Gedanken kann kurzfristig dazu dienen, die Verbindung zu schützen. Untersuchungen zeigen allerdings einen Zusammenhang zwischen dem Verheimlichen des eigenen Erlebens und einer geringeren Beziehungszufriedenheit. Das bedeutet nicht, dass Menschen jederzeit alles offenlegen müssen. Es zeigt eher, wie bedeutsam ein Beziehungsraum ist, in dem Offenheit überhaupt möglich werden kann. (Uysal et al., 2012)

Aus personzentrierter Sicht interessiert mich welche Erfahrungen ein Mensch gemacht haben muss, damit genau dieses Verhalten für ihn notwendig geworden ist.

Wenn Harmonie zur Bedingung für Sicherheit wird

Viele Paare verwechseln eine konfliktarme Beziehung mit einer sicheren Beziehung. Ich verstehe diesen Wunsch gut. Harmonie fühlt sich zunächst angenehm an. Niemand wird laut, niemand zieht sich tagelang zurück, niemand muss befürchten, etwas Falsches gesagt zu haben. Zumindest solange nichts passiert, was diese Harmonie gefährdet. Und darauf haben wir leider nicht immer so viel Einfluss. 

Eine harmonische Beziehung ruft in mir meist das Bild von einem hübschen Zelt auf einer Wiese am See hervor. Es ist Sommer, die Sonne scheint, es gibt Eis, Kinderlachen und die Welt ist friedlich- so lange kein Sturm aufzieht. Und Stürme lassen sich auf Dauer kaum vermeiden. Kinder verändern den Alltag. Krankheiten kosten Kraft. Berufliche Belastungen nehmen zu. Angehörige werden pflegebedürftig. Sexualität verändert sich. Wünsche entwickeln sich auseinander. Und manchmal reichen schon so Schlagworte wie Mental Load und die Stimmung ist im Keller. 
Wenn eine Beziehung solche Unterschiede bisher vor allem vermieden hat, fehlt ihr womöglich die Erfahrung, dass sie einen Konflikt überstehen kann.
Sicherheit entsteht nicht durch Harmonie um jeden Preis, sondern durch das Aushalten und Reparieren von. Konflikten und Krisen.
Menschen brauchen die Erfahrung, dass ein Streit nicht automatisch das Ende bedeutet. Dass eine Enttäuschung ausgesprochen werden darf, ohne dass die gesamte Verbindung infrage gestellt wird.
Damit meine ich keine verletzenden Auseinandersetzungen, keine Grenzüberschreitungen und schon gar keine Gewalt.  Sie entsteht durch die Erfahrung, dass Verschiedenheit Platz haben darf und beide trotzdem in Beziehung bleiben können.

Differenzierung: Verbunden sein, ohne sich selbst zu verlieren

David Schnarch beschreibt in seiner Arbeit zur Paar- und Sexualtherapie die Bedeutung von Differenzierung.
Gemeint ist damit vereinfacht die Fähigkeit, mit einem anderen Menschen verbunden zu sein und trotzdem bei sich zu bleiben. Das klingt zunächst selbstverständlich. 

In der Praxis bedeutet es allerdings, 

  • die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen, auch wenn das Gegenüber etwas anderes empfindet. 
  • Ein Bedürfnis auszusprechen, obwohl es womöglich enttäuscht. 
  • Eine Grenze zu setzen, ohne sich sofort als lieblos zu erleben. Und die Anspannung auszuhalten, die entsteht, wenn zwei Menschen nicht dasselbe wollen.

Differenzierung bedeutet allerdings nicht emotionale Unabhängigkeit um jeden Preis.

Wir brauchen andere Menschen. Wir wünschen uns Nähe, Trost, Zuwendung und Verlässlichkeit. Daran ist nichts falsch. Schwierig wird es, wenn mein Gefühl für den eigenen Wert vollständig davon abhängt, ob mein Gegenüber mich bestätigt. Wenn ich mich nur dann sicher fühle, solange der andere zufrieden ist. Wenn jede abweichende Meinung wie eine drohende Trennung wirkt. Dann wird aus Verbundenheit schnell eine Art Dauerüberwachung. Wie schaut er gerade? Ist sie enttäuscht? War meine Antwort zu knapp? Darf ich heute allein sein, ohne dass der andere sich zurückgewiesen fühlt? Das ist anstrengend, es kostet Kraft und es macht Beziehung kompliziert, weil der andere nicht mehr nur Partner:in ist, sondern gleichzeitig Beruhigungsmittel, Orientierungssystem und Rückversicherung.
Auch in der Paarforschung zeigt sich, dass die Erfahrung, innerhalb der Beziehung als eigenständiger Mensch vorkommen zu dürfen, mit Beziehungszufriedenheit zusammenhängt. Dabei geht es nicht um möglichst große Unabhängigkeit, sondern um Individualität innerhalb einer tragfähigen Verbindung. (Brock et al., 2023)

In der Gesprächsfühung nach Carl Rogers lässt sich diese Dynamik mit der Frage verbinden, wie weit sich ein Mensch von seinem eigenen Erleben entfernt hat, um Anerkennung und Zugehörigkeit zu sichern.

Wer über lange Zeit gelernt hat, dass bestimmte Bedürfnisse unerwünscht sind, nimmt sie womöglich irgendwann selbst kaum noch wahr. Die Anpassung geschieht dann nicht unbedingt bewusst. Sie ist längst Teil des eigenen Selbstbildes geworden:

  • »Ich brauche nicht viel.«
  • »Mir ist eigentlich alles recht.«
  • »Hauptsache, dem anderen geht es gut.«

Das klingt bescheiden. Vielleicht sogar liebevoll. Und manchmal liegt darunter die Erfahrung, dass der eigene Platz in einer Beziehung nur dann sicher ist, wenn man möglichst wenig Raum einnimmt.

Wenn Rücksicht in Verantwortung kippt

In Paarberatungen begegnen uns solche Dynamiken selten einseitig. Die Person, die sich stark anpasst, erlebt sich womöglich als besonders fürsorglich. Die andere fühlt sich zunehmend unter Druck gesetzt, obwohl sie diese Anpassung vielleicht nie verlangt hat. Sie spürt, dass ihre Stimmung Auswirkungen auf den ganzen Raum hat. Sie merkt, dass ein Wunsch nach Abstand sofort Verunsicherung auslöst. Und irgendwann beginnt auch sie, sich anzupassen - aus Angst, die andere Person zu verletzen. Manchmal verliebe sich auch zwei Menschen, die beide gelernt haben, dass Beziehung ein Eierlauf ist. Und manchmal führt diese massive Anpassung nicht zur Gegenanpassung, sondern zu einer toxischen Dynamik in der es Opfer und Täter gibt. Und genau hier ist die Allparteilichkeit in der Paartherapie enorm wichtig und gleichzeitig wird deutlich, warum fundierte Beratungskompetenz es so wichtig und auch entlastend ist, weil man als Berater:in eben nicht bewerten muss, nicht entscheiden muss, wer nun 'Recht' hat oder wer 'das Problem' ist.

Betrachten wir mal den ersten Kreislauf:  Eine Person versucht, durch Nähe Sicherheit herzustellen. Die andere braucht Abstand, um sich nicht verantwortlich zu fühlen. Der Abstand verstärkt wiederum die Unsicherheit. Also wird noch mehr Nähe gesucht. Je angespannter beide werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie das Verhalten des Gegenübers persönlich nehmen. Dabei schützen sie möglicherweise beide etwas sehr Ähnliches: die Beziehung und sich selbst. Nur mit unterschiedlichen Mitteln.

Für die Beratung bedeutet das wie gesagt, vorsichtig mit vorschnellen Zuschreibungen zu sein. Die eine Person ist nicht automatisch klammernd, die andere nicht automatisch bindungsunfähig.

Vielleicht hat die eine gelernt, dass Distanz Gefahr bedeutet. Vielleicht hat die andere gelernt, dass Nähe mit Überforderung verbunden ist. Und vielleicht erleben beide gerade sehr nachvollziehbar, dass ihre bisherige Lösung beim Gegenüber genau das auslöst, wovor sie selbst Angst haben

Warum Sexualität so schnell zum Austragungsort wird

Sexualität ist selten nur Sexualität. Und eigentlich geht es auch in jeder Paarsitzung um Sexulität, auch wenn sie nur selten explizit benannt wird. Sie berührt Fragen von Begehren, Attraktivität, Zugehörigkeit, Scham und Selbstwert. Menschen möchten sich erwünscht, willkommen und begehrt fühlen. Sie möchten sich zeigen können, ohne bewertet zu werden. Gleichzeitig bringen sie ihre eigenen Erfahrungen, Vorstellungen und Unsicherheiten mit.

Manche kennen ihre Bedürfnisse ziemlich gut. Andere haben kaum gelernt, über Sexualität zu sprechen. Wieder andere wissen durchaus, was ihnen gefällt, trauen sich aber nicht, es mitzuteilen, weil sie niemanden verletzen möchten, weil sie sich schämen. Oder weil sie befürchten, dass ein Wunsch nach Veränderung beim Gegenüber als Kritik ankommt.

Dann wird Sexualität schnell zu einer Situation, in der beide versuchen, alles richtig zu machen, während keiner mehr so genau weiß, was eigentlich gerade zwischen ihnen passiert. Jemand stimmt einer Berührung zu, obwohl er unsicher ist. Jemand spielt Lust vor, obwohl der Kopf noch bei der Arbeit oder beim Kind im Nebenzimmer ist. Jemand hofft, dass der andere irgendwann von selbst merkt, was angenehm wäre.
Oder jemand zieht sich zurück, weil jede körperliche Annäherung inzwischen mit einer Erwartung verbunden scheint, die er gerade nicht erfüllen kann. Und manchmal findet keinerlei Nähe mehr statt, weil die emotionale Verbundenheit fehlt:

Wie soll ich mich bei Dir fallen lassen, wo Du mir doch erst heute morgen gezeigt hast, dass ich mich nich auf Dich verlassen kann, als ich Dich bat, die Spülmaschine auszuräumen? Oder als Du mir kürzlich gesagt hast, ich soll meine Mutter doch verstehen, sie sei ja schon älter. Oder als Du meintest, das was dran sein könnte, als ich mich darüber geärgert habe, dass Markus meinte, ich verhalte mich in letzter Zeit seltsam sensibel.

Für beide kann das schmerzhaft sein. Die eine Person fühlt sich zurückgewiesen. Die andere erlebt zunehmend Druck. Und je häufiger sie versuchen, das Problem über Häufigkeit, Technik oder vermeintlich richtige Abläufe zu lösen, desto größer wird womöglich die Distanz.
Unterschiedlich ausgeprägtes sexuelles Verlangen sollte dabei nicht vorschnell als Störung einer einzelnen Person verstanden werden. Die European Society for Sexual Medicine empfiehlt, stärker darauf zu schauen, wie beide Menschen den Unterschied erleben, welche Bedeutung sie ihm geben und ob ein Umgang damit möglich ist, der niemanden unter Druck setzt. (Dewitte et al., 2020)
Denn eine Beziehung, in der Bedürfnisse schwer ausgesprochen werden können, wird nicht automatisch dadurch sicherer, dass man sich für den nächsten Samstagabend mehr Nähe vornimmt.

Der Körper braucht keine neue Aufgabe

Der Wunsch, sich endlich fallen lassen zu können, klingt zunächst verständlich. Er kann allerdings selbst zum Problem werden, wenn daraus eine weitere Erwartung entsteht: »Jetzt entspann Dich doch.« »Lass einfach los.« »Denk nicht so viel nach.«
Doof, wenn der Körper offenbar gute Gründe hat, gerade nicht loszulassen. Anspannung ist nicht zwangsläufig ein Zeichen dafür, dass jemand sich anstellt oder zu verkopft ist. Sie kann Ausdruck von Unsicherheit sein, von Erschöpfung, von früheren Grenzverletzungen oder schlicht davon, dass der Moment gerade nicht passt.
Auch Schmerzen, hormonelle Veränderungen, Medikamente, psychische Belastungen und körperliche Erkrankungen können eine Rolle spielen. Deshalb wäre es zu einfach, sexuelle Schwierigkeiten ausschließlich als Ausdruck einer Paardynamik zu deuten.

Manchmal braucht es neben der Beratung eine medizinische Abklärung. Manchmal sexualtherapeutische oder psychotherapeutische Unterstützung. Manchmal einen geschützten Raum, um belastende Erfahrungen überhaupt erst einordnen zu können. Und manchmal braucht es zunächst die Erlaubnis, dass gerade nichts funktionieren muss.

Wer sich sicher fühlen soll, benötigt Wahlmöglichkeiten:
Ich darf langsamer werden.
Ich darf eine Berührung mögen und eine andere nicht.
Ich darf meine Meinung ändern.
Ich darf mittendrin merken, dass mir etwas zu viel wird.
Ich darf Nähe genießen, ohne daraus eine Verpflichtung für den weiteren Verlauf ableiten zu müssen.
Diese Selbstbestimmung ist keine Störung von Intimität. Sie ist für viele Menschen eine ihrer Voraussetzungen.

Auch die Weltgesundheitsorganisation beschreibt sexuelle Gesundheit als körperliches, emotionales, psychisches und soziales Wohlbefinden in Bezug auf Sexualität. Respekt, Sicherheit und der Schutz vor Druck, Diskriminierung und Gewalt gehören ausdrücklich dazu. (World Health Organization: Sexual Health)

Sexualität beginnt nicht erst im Schlafzimmer

Wenn ein Paar über fehlende Lust spricht, lohnt sich der Blick auf den Alltag. Fragen für eine paartherapeutische Sitzung könnten sein:

  • Wer trägt die Verantwortung für Termine, Kinder, Haushalt und die Stimmung zu Hause? Und wie geht es der Person damit?
  • Fühlen sich beide in ihren Rollen, ihrem Tun und ihrem Sein gesehen und anerkannt?
  • Wer erlebt Berührung als Angebot und wer inzwischen vor allem als Ankündigung einer Erwartung?
  • Wie sicher fühlt sich das Paar, einander auch mal vor den Kopf zu stoßen?
  • Wie selbstbestimmt wurden die Rollen und Aufgaben innerhalb der Familie gewählt?
  • Fühlen sich beide als eigenständige Person, oder eher fremdbestimmt und in unfreiwilliger Abhängigkeit zueinander oder den Kindern?
  • Welche Bedeutung hat Nähe und was bedeutet Sexualität?

Und bleibt überhaupt Raum, um sich selbst wahrzunehmen, wenn der Tag aus Arbeit, Carearbeit und dem Versuch besteht, niemanden zu enttäuschen. Ein Mensch, dessen innere Reserveleuchte seit Wochen blinkt, braucht nicht zwangsläufig eine neue Methode, um seine Lust zu steigern. Vielleicht braucht er die Erfahrung, dass körperliche Nähe nicht jedes Mal in einer Verhandlung endet. Oder schlichtweg das Gefühl als der Mensch gesehen und anerkannt zu werden, der er/sie ist. Oder auch mehr Selbstbestimmung im Alltag, bevor es zur Sexualität kommt, die vielleicht eher als 'und wieder muss ich funktionieren / geben oder gar herhalten empfunden wird. Und vielleicht braucht es auch einfach Schlaf, Erholung und Ruhe.

Sexuelles Begehren lässt sich nicht zuverlässig von den Bedingungen trennen, unter denen Menschen ihren Alltag miteinander verbringen. Neuere Forschung beschreibt wechselseitige Zusammenhänge zwischen subjektiv erlebtem Stress, sexuellem Verlangen und Erregung. Das bedeutet nicht, dass Stress bei allen Menschen gleich wirkt. Es erinnert uns eher daran, den Alltag eines Paares mitzudenken, bevor wir seine Sexualität isoliert betrachten. (Mües et al., 2025).
Wenn eine Person sich dauerhaft überfordert fühlt und die andere sexuelle Nähe als wichtigsten Ausdruck von Verbundenheit erlebt, treffen zwei nachvollziehbare Bedürfnisse aufeinander.
Das eine verschwindet nicht, weil wir das andere wichtiger finden.

Die Frage ist, ob beide Bedürfnisse ausgesprochen werden können, ohne dass sofort Schuld, Rechtfertigung oder Druck entstehen. Mehr dazu findest Du auch in meinem Fachartikel »Mental Load: Wenn einer denkt und der andere nicht einmal weiß, was er vergisst zu denken«

Die Landkarte, die niemand mitliefert

Jeder Mensch bringt eine eigene sexuelle Geschichte mit. Erfahrungen, Bilder, Grenzen, Wünsche, Unsicherheiten. Dinge, über die gesprochen wurde, und Dinge, die über Jahre keinen Platz hatten. Eine neue oder langjährige Beziehung bedeutet nicht automatisch, dass beide die Landkarte des anderen kennen. Manche Menschen sind sich nicht einmal sicher, wie ihre eigene aussieht. Das ist ungefähr so, als würden zwei Personen gemeinsam eine fremde Stadt erkunden, ohne zu wissen, ob sie überhaupt dasselbe suchen. Die eine möchte durch kleine Seitenstraßen laufen, die andere möglichst schnell zum Ziel kommen. Vielleicht haben beide irgendwann gelernt, dass man über Vorlieben besser nicht spricht. Dann marschieren sie los, hoffen auf Gedankenlesen und wundern sich darüber, warum sie sich verlaufen.

Sexualität braucht nicht zwingend die perfekte Anleitung. Im Gegenteil, es bedarf Neugierde, immer wieder. Denn unsere Körper verändern sich, Hormone sind zum Teil unberechenbar, aber auch Vorlieben wandeln sich im Laufe der Zeit. Daher gilt es immer wieder aufs Neue herauszufinden:  Was fühlt sich angenehm an? Was verunsichert? Wo entsteht Druck? Und vielleicht auch, welche Vorstellung davon, wie Sexualität angeblich ablaufen müsste, steht einer tatsächlichen Begegnung vielleicht im Weg?

Dazu gehört auch, starre Vorstellungen von richtigem Sex, vermeintlichen Haupt- und Nebensachen oder bestimmten körperlichen Reaktionen zu hinterfragen. Ein Orgasmus ist beispielsweise kein Leistungsnachweis.
Und Penetration ist keine Pflicht. Und ein Nein verliert nicht deshalb seine Berechtigung, weil vorher irgendwann mal ein Ja war. Wenn Paare beginnen, Sexualität weniger als Prüfung und stärker als gemeinsamen Verständigungsprozess zu erleben, kann das bereits entlastend sein. Natürlich nicht immer sofort. Und selbstverständlich nicht auf Knopfdruck.

Aber, dass Gespräche über Sexualität dabei einen Unterschied machen können, zeigt eine Metaanalyse von 93 Untersuchungen mit insgesamt 38.499 Personen. Sexuelle Kommunikation stand sowohl mit sexueller Zufriedenheit als auch mit der Beziehungszufriedenheit in Zusammenhang. Die Qualität der Gespräche wog schwerer als ihre bloße Häufigkeit. Viel reden hilft also nicht automatisch. Entscheidend scheint eher zu sein, ob Menschen sich in diesen Gesprächen verstanden und sicher genug fühlen, um sich tatsächlich zu zeigen. (Mallory, 2022) Die Untersuchung beschreibt jedoch lediglich statistische Zusammenhänge. Sie belegt nicht, dass Gespräche allein automatisch eine höhere Zufriedenheit verursachen.

Was personzentrierte Paarberatung hier leisten kann

Als Berater:innen können wir weder Intimität herstellen noch entscheiden, welche Form von Nähe für ein Paar die richtige ist. Klar. Wichtig ist vielmehr in jeder Paarsitzung die Sexualität mitzudenken, auch dann, wenn sie nicht explizit ausgesprochen wird und für viele Paare kann es erleichternd sein, wenn der Personzentrierte Berater oder die Personzentrierte Beraterin das Thema selbst anspricht, um zu signalisieren, ja, auch das kann und darf hier besprochen werden, denn die Zusammenhänge zwischen der Einsamkeit im Alltag und einer Flaute im Bett können sehr aufschlussreiche sein. 
Außerdem, können wir Bedingungen schaffen, unter denen Menschen sich selbst und einander etwas ehrlicher begegnen. Dafür reicht es natürlich nicht, Bedürfnisse lediglich abzufragen. Manche Klient:innen wissen zunächst gar nicht, was sie möchten. Andere kennen ihre Wünsche, haben aber gute Gründe, sie nicht auszusprechen. Und wieder andere sind so damit beschäftigt, sich zu verteidigen, dass sie den Schmerz hinter dem Verhalten ihres Gegenübers kaum wahrnehmen können.

Unsere Aufgabe besteht dann darin, langsamer zu werden.

Einen Vorwurf nicht vorschnell zu korrigieren, sondern zu verstehen, was sich darunter verbirgt, welches Bedürfnis, welche Not? Statt mit erhobenen Zeigefinger auf Gesprächsregeln oder Ich-Botschaften hinzuweisen. Oder auch einen Rückzug nicht automatisch als Desinteresse zu bewerten, sondern seine mögliche Schutzfunktion wahrzunehmen. Oder eben eine Anpassung nicht zu loben, nur weil sie auf den ersten Blick besonders rücksichtsvoll erscheint. Und genau hier zeigt sich, warum sich die Gesprächsführung nach Carl Rogers besonders gut für die Begleitung von Paaren eignet, denn genau das ist der Kern der personzentrierten Haltung: Ich will Dich verstehen und ich gebe Dich nicht auf, sondern ich mache mir die Mühe Dein Verhalten so nachzuvollziehen, dass ich es gar nicht abwerten kann, sondern in mir das Gefühl entsteht: Ah, ja, ja, das ergibt Sinn. Und wenn mir als Paartherapeutin genau das gelingt, dann löst es beim Gegenüber oft eine ähnliche Erleichterung aus, manchmal gar Mitgefühl oder plötzlich ist da wieder dieser Wunsch nach Nähe. 

Wenn jemand sagt: »Mir ist eigentlich egal, was wir machen.« könnte es spannend sein, gemeinsam zu schauen, ob tatsächlich Gleichgültigkeit dahintersteht oder ob der eigene Wunsch schlicht noch keinen sicheren Platz gefunden hat. Oder wenn sich jemand zurückzieht und schweigt, ist das vielleicht keine Ignoranz und auch kein Liebesentzug, sondern pure Hilflosigkeit.  Wenn jemand sagt: »Ich will einfach, dass er mich wieder begehrt.« geht es vielleicht um Sexualität, ja, aber vielleicht auch um die Angst, nicht mehr wichtig zu sein, um den Wunsch nach Anerkennung. Und wenn jemand sagt: »Sobald sie mich anfasst, habe ich schon das Gefühl, dass ich funktionieren muss.« dann ist das nicht automatisch eine Ablehnung der Partnerin, sondern womöglich der Versuch, sich vor potentiellem Versagen zu schützen.

Ich bin kein Schiedsrichter und kein Anwalt, ich übersetze und versuche dabei so genau und präzise wie möglich zu sein. Das kann für manche Menschen erstmal befremdlich, anstrengend sein. Oder auch das Gefühl auslösen, ich sei pedantisch oder kleinkariert. Aber wenn jemand zu mir sagt, dass er 'keine Ahnung' hat, dann frage ich auch nach, wofür das steht. Denn 'Keine Ahnung' bedeutet selten, dass es jemand nicht weiß. Mich interessiert, was jeder einzelne Mensch erlebt, welche Bedeutung er dem Verhalten des anderen gibt und was passieren könnte, wenn diese Bedeutung nicht sofort als Tatsache behandelt wird.

Aus »Du willst mich nicht mehr« kann dann vielleicht werden: »Wenn Du auf Abstand gehst, bekomme ich Angst, dass ich Dir nicht mehr wichtig bin.« Aus »Du setzt mich immer unter Druck« wird womöglich: »Wenn ich das Gefühl habe, dass jede Berührung zu etwas führen muss, verliere ich den Kontakt zu dem, was ich eigentlich möchte.«

Diese Sätze lösen keinen Konflikt. Sie verändern allerdings die Position, aus der beide aufeinanderblicken, das Problem sitzt dann nicht mehr Gegenüber oder zwischen dem Paar. Sondern es ist vor ihnen und sie können gemeinsam, als Team an der Auflösung arbeiten - statt sich zu bekämpfen.

Wenn Du Dich ausführlicher mit der Haltung dahinter beschäftigen möchtest, findest Du in meinem Beitrag »Der Personzentrierte Ansatz nach Carl Rogers« eine Einführung in empathisches Verstehen, bedingungslose positive Zuwendung und Kongruenz.


Auch wir können in die Dynamik geraten


Paarberatung fordert uns nicht nur fachlich heraus. Wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen vor uns sitzen, entsteht schnell der Impuls, eine Lösung zu finden. Einen Kompromiss. Eine Übung. Eine Empfehlung, mit der beide halbwegs zufrieden nach Hause gehen. Diesen Wunsch kenne ich gut. Und selbst wenn Du ihn gar nicht empfindest, so sprechen Paare genau das gerne aus. Ob es nicht einfach eine Übung oder Aufgabe gäbe, die sie durcharbeiten könnten. Das Spannende, wenn wir uns darauf einlassen und dann auch diesen Wunsch verspüren wirksam zu sein, bestärken wir das Paar indirekt in ihrer Dynamik: Hauptsache, niemand wird enttäuscht. Und wenn wir uns von diesem Wunsch nicht lösen können, selbst hektisch werden oder uns verantwortlich fühlen, dann beruhigen wir vielleicht zu früh. Oder vermitteln, bevor wir wirklich verstanden haben. Oder wir helfen beiden, eine Vereinbarung zu treffen, die zwar vernünftig klingt, innerlich aber von keinem wirklich getragen wird. Und genau das, kann gerade bei Sexualität sehr heikel sein.

Personzentrierte Begleitung bedeutet deshalb auch, unsere eigene Ungeduld wahrzunehmen. Und uns eben auch zu fragen, warum es uns gerade so schwer fällt 'das Unangenehme' auszuhalten. Gerade Scham kann diesen Prozess erschweren. Wer sich für die eigenen Bedürfnisse, Grenzen oder Reaktionen bereits verurteilt, hat verständlicherweise wenig Spielraum, sie offen zu betrachten. In meinem Beitrag »Selbstmitgefühl lernen: Warum Begleitung Veränderung ermöglicht« 

Nähe entsteht oft dann, wenn beide sich sicher in ihrem Sein fühlen

Sebastians Geschichte lässt sich leicht missverstehen. Die Lösung besteht nicht darin, dass seine Partnerin jetzt demonstrativ allein ins Fitnessstudio geht, andere Musik hört und sich künstlich distanziert. Und Sebastian muss nicht lernen, ihre Anpassung einfach dankbar anzunehmen. Spannender wäre, gemeinsam zu verstehen, welche Bedeutung Nähe für beide hat.
Vielleicht verbindet sie gemeinsame Interessen mit dem Gefühl, wichtig zu sein und er erlebt gerade darin den Verlust von Eigenständigkeit.

Eine tragfähige Beziehung braucht weder vollständige Verschmelzung noch dauerhafte Unabhängigkeit.
Sie braucht die Möglichkeit, sich zu zeigen, ohne sich dafür aufgeben oder gar schämen zu müssen. Und eben mit dem Vertrauen, dass ein Unterschied nicht automatisch bedeutet, dass die Beziehung scheitert.
Vielleicht beginnt Intimität genau an dieser Stelle: wenn zwei Menschen aufhören, einander möglichst wenig zuzumuten, und langsam erleben, dass sie sich auch dann begegnen können, wenn beide wirklich da sind.
Die Begleitung solcher Prozesse ist auch Bestandteil meiner Weiterbildung in Personzentrierter Beratung. Im zweiten Modul beschäftigen wir uns unter anderem ausführlich mit der Begleitung von Paaren, mit Konfliktdynamiken und der Frage, wie wir Verschiedenheit aushalten können, ohne vorschnell Partei zu ergreifen oder Lösungen vorzugeben.


Quellen und weiterführende Literatur


Brock, R. L., Ramsdell, E. L., Franz, M. R., Stasik-O’Brien, S. M., Gervais, S. J. und Calkins, F. C. (2023): [Free to be me with you: Development of the Individuality in Couples Questionnaire](https://doi.org/10.1037/pas0001238). Psychological Assessment, 35(7), 602–617.
Dewitte, M., Carvalho, J., Corona, G., Limoncin, E., Pascoal, P., Reisman, Y. und Štulhofer, A. (2020): [Sexual Desire Discrepancy: A Position Statement of the European Society for Sexual Medicine](https://doi.org/10.1016/j.esxm.2020.02.008). Sexual Medicine, 8(2), 121–131.
Mallory, A. B. (2022): [Dimensions of couples’ sexual communication, relationship satisfaction, and sexual satisfaction: A meta-analysis](https://doi.org/10.1037/fam0000946). Journal of Family Psychology, 36(3), 358–371.
Mallory, A. B., Stanton, A. M. und Handy, A. B. (2019): [Couples’ Sexual Communication and Dimensions of Sexual Function: A Meta-Analysis](https://doi.org/10.1080/00224499.2019.1568375). The Journal of Sex Research, 56(7), 882–898.
Mües, H. M., Markert, C., Feneberg, A. C. und Nater, U. M. (2025): [Bidirectional associations between daily subjective stress and sexual desire, arousal, and activity in healthy men and women](https://doi.org/10.1093/abm/kaaf007). Annals of Behavioral Medicine, 59(1).
O’Leary, C. J. (2011): [The Practice of Person-Centred Couple and Family Therapy](https://www.bloomsbury.com/us/practice-of-personcentred-couple-and-family-therapy-9780230233188/). Bloomsbury Academic.
Rogers, C. R. (1957): [The necessary and sufficient conditions of therapeutic personality change](https://doi.org/10.1037/h0045357). Journal of Consulting Psychology, 21(2), 95–103.
Schnarch, D.: [Die Psychologie sexueller Leidenschaft](https://www.klett-cotta.de/produkt/david-schnarch-die-psychologie-sexueller-leidenschaft-9783608961096-t-4559). Klett-Cotta.
Uysal, A., Lin, H. L., Knee, C. R. und Bush, A. L. (2012): [The association between self-concealment from one’s partner and relationship well-being](https://doi.org/10.1177/0146167211429331). Personality and Social Psychology Bulletin, 38(1), 39–51.
World Health Organization: [Sexual Health](https://www.who.int/health-topics/sexual-health).