Wenn die KI deine Worte wählt: Warum das deine Selbstwahrnehmung verändert
Adam Aleksic, Etymologe und Autor, steht im November 2025 auf der TEDNext-Bühne und sagt einen Satz, der mich erschrocken hat: Wer ChatGPT oft benutzt, fängt an, wie ChatGPT zu klingen. Das klingt im ersten Moment harmlos, doch er ergänz rasch selbst, wie unfassbar gefährlich das ist.
Was passiert eigentlich mit uns, wenn nicht mehr wir die Worte wählen, sondern ein Algorithmus sie uns leiht?
Was die Studien tatsächlich zeigen
Ein Forschungsteam am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin hat den Effekt erstmals empirisch erfasst. Hiromu Yakura, der Hauptautor, bemerkte zunächst an sich selbst, dass er das englische Wort „delve" (eintauchen) auffallend oft verwendete. Er fragte sich, ob das nur ihm so gehe. Gemeinsam mit Ezequiel Lopez-Lopez und Levin Brinkmann analysierte er über 360.000 YouTube-Videos und 771.000 Podcast-Episoden, aufgenommen vor und nach dem Release von ChatGPT Ende 2022. Das Ergebnis, im Juni 2025 als Preprint veröffentlicht und noch im Begutachtungsprozess: Wörter, die ChatGPT bevorzugt "delve, realm, meticulous, underscore, bolster" tauchen seit dem Release statistisch signifikant häufiger auch in gesprochener, spontaner Sprache auf. Also eben nicht in vorbereiteten Skripten, die womöglich mit KI verfasst wurden, nein in echten Gesprächen ohne Skript!
Brinkmann fasst es nüchtern zusammen: Die Muster, die in der KI-Technologie gespeichert sind, scheinen zurück auf den menschlichen Geist übertragen zu werden. Forscher:innen der Florida State University haben unabhängig davon im peer-reviewten Verfahren einen sogenannten „seep-in effect" nachgewiesen: KI-Wortwahl sickert ins alltägliche Sprechen.
Ein Meinungsbeitrag in Trends in Cognitive Sciences vom März 2026, verfasst von Zhivar Sourati und Kolleg:innen an der University of Southern California, geht weiter. Die Autor:innen synthetisieren über 130 Studien und kommen zu dem Schluss, dass große Sprachmodelle nicht nur Wortwahl, sondern auch Argumentationsstile und Perspektiven angleichen. An einer Stelle ziehen sie einen Vergleich, der aufhorchen lässt: zu Orwells „Newspeak" aus 1984, einer Sprache, in der bestimmte Gedanken schlicht nicht mehr formulierbar waren. Es ist eine Meinungsäußerung, keine Studie, das ist wichtig hier zu erwähnen, ich möchte nicht mehr Panik verbreiten als nötig :-) . Aber sie ist gestützt auf eine breite Forschungslandschaft, die in dieselbe Richtung weist.
Falls Du Dich wunderst, die genannten Studien beziehen sich auf das Englische, auch die Studie aus Deutschland. Für das Deutsche gibt es bisher keine vergleichbar große empirische Untersuchung. Aber die Mechanismen, also die Imitation kompetent erscheinender Quellen, statistische Glättung sind eben nicht sprachgebunden. Dass es im Deutschen ähnlich läuft, ist also eine plausible Annahme; den letzten Nachweis steht aus.
Was das humanistisch bedeutet
Hier verlasse ich die Studienlage und biete eine Lesart an. Im personzentrierten Ansatz, gibt es einen Begriff, der angesichts dieser Befunde eine neue Schärfe bekommt. Vielleicht ahnst Du es schon. Genau, die Kongruenz. Carl Rogers meinte damit etwas sehr Konkretes, nämlich die Übereinstimmung zwischen dem, was ein Mensch innerlich erlebt, und dem, was davon nach außen sichtbar wird. In Worten, in Mimik, in dem, was wir uns selbst über uns erzählen. Kongruenz ist keine Authentizitäts-Phrase, sondern ein psychologischer Zustand: Ich sage, was ich fühle. Ich fühle, was ich sage. Dazwischen klafft kein Spalt.
Was passiert, wenn dieser Spalt nicht mehr nur durch Verdrängung von Neuem, Ungewohntem oder Unerwünschten entsteht, also als Beispiel: Jemand sagt, er sei nicht eifersüchtig, kontrolliert aber seine Frau. Dann passt sein Verhalten nicht zu seinen Handlungen, er ist also nicht kongruent, es gibt da diesen Spalt dazwischen, das nennt man dann Inkongruenz.
Und was, wenn Inkongruenzen zukünftig eben auch durch einen Algorithmus entstehen, der mir das passendere Wort vorschlägt, bevor ich gespürt habe, was eigentlich meines wäre?
Ein hypothetisches Beispiel — bewusst hypothetisch, weil es für den deutschsprachigen Raum noch keine empirische Studie gibt, die genau das misst. Stell dir vor: Du schreibst einer Freundin, dass du dich seit Wochen seltsam fühlst. Du tippst „erschöpft". Die KI-Autokorrektur schlägt „ausgebrannt" vor. Du nimmst es an, weil es professioneller klingt. Aber „erschöpft" und „ausgebrannt" sind nicht dieselben Worte. Das eine erzählt von Müdigkeit, vielleicht von zu viel. Das andere von etwas Endgültigem, von Diagnose-Geruch. Burn Out. Du hast es nicht gewählt, im Gegenteil, Du bist erschöpft, aber du hast den Vorschlag übernommen. Und das nächste Mal, wenn du in dich hineinhörst, ist „ausgebrannt" schon das Wort, das zuerst aufsteigt.
Das ist nicht harmlos, wenn man Sprache personzentriert versteht. Sprache ist hier nicht Verpackung eines fertigen inneren Zustands, sie ist Teil des Symbolisierungsprozesses, durch den wir uns selbst überhaupt erst verstehen lernen. Wer immer wieder Worte benutzt, die nicht aus dem eigenen Erleben kommen, sondern aus einem statistischen Mittelwert von Millionen anderer Texte, der erlebt sich nach und nach durch eine geliehene Linse. Der Frontiers-Artikel zum „algorithmischen Selbst" nennt das preference reinforcement: Menschen verwechseln Wahl mit Zustimmung: sie halten algorithmisch verengte Optionen für ihre eigenen Präferenzen.
Was du daraus mitnehmen kannst
Das hier ist kein Plädoyer gegen KI. Diese Tools sind nützlich, sie nehmen Last ab, sie helfen Menschen, denen Schreiben schwerfällt, sich auszudrücken. Eine Studie zeigt sogar, dass ChatGPT die sprachliche Lücke zwischen Muttersprachler:innen und Nicht-Muttersprachler:innen in akademischen Texten verringert, das ist ein echter, demokratisierender Effekt. Und ich würde heute auch nicht mehr auf die Idee kommen auf der Schreibmaschine zu tippen oder in die Bibliothek zu fahren. Es geht also nicht um für oder gegen. Es geht um einen Unterschied, der leicht verschwimmt: zwischen Hilfe beim Formulieren und Übernahme der Formulierung.
Drei kleine Verschiebungen, die etwas ändern können:
- Schreib zuerst, dann poliere. Bevor du die KI einen Text glätten lässt, formuliere ihn einmal selbst. Auch wenn er holprig klingt, tauch wenn Dir gerade ein Wort nicht einfällt. Erst dann, wenn der Kern aus deinem Erleben kommt, ist eine KI-Politur eher unbedenklich. Andersrum baust du auf einem Fundament aus geliehenen Worten.
- Achte auf die Worte, die zuerst in Dir aufsteigen, und auch auf die, die Du gerade übernommen hast. Wenn Du Dich selbst beschreiben willst, also "ich bin gerade…" was wäre dein eigenes Wort? Vielleicht ist es nicht so eloquent oder professionell, wie Du gerne klingen würdest. Vielleicht ist es „komisch", „flach", „dünn". Vielleicht ist es nichts, was in einem TED-Talk gut aussähe. Aber es ist Deins. Und nur darüber kommst Du an das, was darunter liegt.
- Erlaube Dir Pause, zum Nachdenken, zum Innehalten. Die KI schlägt sofort vor. Du sprichst in der Spracheingabe und in jeder kurzen Pause grätscht die KI rein. Sie wartet nicht. Aber gerade wenn Du KI nutzt um Dich zu refleltieren, zu verstehen, dann braucht es auch diesen Moment von "Ich verstehe mich nicht!" Den Moment, in dem du noch nicht weißt, wie du es nennen sollst, was du fühlst. Genau dieser Moment ist der fruchtbarste und genau diesen Moment überspringt der Algorithmus.
Das ist im Grunde dieselbe Bewegung, die mir in der Beratung immer wieder begegnet: Menschen kommen mit fertigen Sätzen über sich selbst, „Ich bin halt zu sensibel", „Ich kann keine Grenzen setzen", „Ich bin Beziehungsunfähig" und das eigentliche Verstehen beginnt erst dort, wo wir diese Sätze gemeinsam in Klammern setzen und fragen: Ist das wirklich dein Wort? Oder hast du es von irgendwoher übernommen, von Deinen Eltern, von einem Ratgeber, einem Instagram-Post, einer Diagnose-Etikette, jetzt vielleicht auch von einem Algorithmus? Die Antwort verändert nicht den Sachverhalt. Aber sie öffnet einen Raum.
Wo es schwierig wird
Ich will hier nicht so tun, als sei die Antwort einfach. Sprache war noch nie nur individuell: Wir lernen sie von Eltern, von Lehrer:innen, aus Büchern, aus Filmen. Auch das sind fremde Quellen, und sie haben uns immer schon geformt. Der Unterschied zur KI ist also nicht fremd vs. eigene Worte, denn diesen Unterschied gibt es so ja nicht, wir übernehmen ständig Begriffe von Anderen. Der Unterschied liegt, wie Yakura selbst sagt, in Geschwindigkeit und Maßstab: KI sei keine besonders ungewöhnliche Technologie, was ihren Einfluss angeht, aber das Tempo und das Ausmaß seien beispiellos.
Und noch etwas: Die Studien zeigen Tendenzen, keine Determinismen. Niemand ist gezwungen, „ausgebrannt" statt „erschöpft" zu sagen, nur weil die Autokorrektur es vorschlägt. Die Frage ist also nicht: Beherrscht mich die KI? Die Frage ist: Wann und wie kann und will ich aufmerksam bleiben? Wo will ich einen Vorschlag annehmen, und wo will ich erst hinhören?
Eine Einladung
Also falls Du öfter KI nutzt, für Mails, als Notizbuch, als Tagebuch, Therapeut oder eben auch für das Verfassen von Nachrichten oder Briefen, mache Dir immer mal wieder bewusst, wie Du sprichst, was Du sagst und höre genau hin.
Wenn du merkst, dass du dich selbst nicht mehr richtig hörst — zwischen all den Stimmen, Posts, Vorschlägen und algorithmisch geglätteten Sätzen — dann darf das ein Anlass sein, einen Raum zu suchen, in dem genau das wieder möglich ist. Zum Beispiel in der Beratung, denn manchmal ist das Eigene erst wieder hörbar wird, wenn jemand zuhört, ohne sofort einen Vorschlag zu machen.
Quellen / Literatur
- Yakura, H., Lopez-Lopez, E., Brinkmann, L. et al. — Empirical Evidence of Large Language Model's Influence on Human Spoken Communication. arXiv-Preprint (zweite Version), 30. Juni 2025. https://arxiv.org/abs/2409.01754
- Sourati, Z., Ziabari, A.S., Dehghani, M. — The homogenizing effect of large language models on human expression and thought. Trends in Cognitive Sciences (Opinion Paper), 11. März 2026. https://www.cell.com/trends/cognitive-sciences/fulltext/S1364-6613(26)00003-3
- Aleksic, A. — Why are people starting to sound like ChatGPT? TEDNext, November 2025. https://www.ted.com/talks/adam_aleksic_why_are_people_starting_to_sound_like_chatgpt
- The algorithmic self: how AI is reshaping human identity, introspection, and agency. Frontiers in Psychology, 2025. https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2025.1645795/full



