Personzentrierte Weiterbildung
Jennifer Angersbach zertifiziert durch die GwG e.V und DGfB e.V.
 

Selbstmitgefühl lernen: für Dich und für Deine Beziehung

Eine Freundin erzählt Dir von einem Fehler im Job und sagt: „Wieder mal so typisch. Ich bin einfach so bescheuert, was habe ich mir auch eingebildet der Stelle gewachsen zu sein???" Würdest Du ihr zustimmen? Oder würdest Du sie besänftigen und widersprechen? In diesem kleinen Unterschied liegt fast alles, was Selbstmitgefühl ausmacht, und die Forschung der letzten Jahre zeigt, dass Selbstmitgefühl auch Auswirkungen auf die Partnerschaft hat, aber vor allem auf den Körper. 


Was Selbstmitgefühl eigentlich bedeutet


Selbstmitgefühl heißt, Dir selbst mit der Freundlichkeit zu begegnen, die Du einer Freundin ganz selbstverständlich entgegenbringst. Kristin Neff, Professorin an der University of Texas und seit 2003 eine der wichtigsten Stimmen in diesem Forschungsfeld, beschreibt drei Bestandteile: 


  1. sich selbst mit Wärme begegnen statt mit Härte
  2. eigenes Scheitern als Teil des Menschseins verstehen statt als persönlichen Makel
  3. wahrnehmen, was gerade da ist, ohne sich darin zu verlieren

Das Gegenteil kennen die meisten besser. Die innere Stimme, die nach einem Fehler sofort weiß, wer schuld ist. Die Erschöpfung am Ende einer Woche, über die man sich obendrein noch ärgert. Das man weder alles geschafft hat und jetzt auch noch erschöpft und müde ins Wochenende startet. Oft hält uns dabei Scham gefangen, jenes Gefühl, das eben dafür sorgt, dass wir unsere eigenene, tiefen Verletzungen und Wunden nicht teilen und somit auch nicht verarbeiten können. Selbstmitgefühl löst genau dieses Muster auf. Es neutralisiert Scham, und wo Scham nachlässt, wird Heilung überhaupt erst möglich.

Wichtig ist die Unterscheidung zum Selbstmitleid, über die ich an anderer Stelle schon ausführlicher geschrieben habe. Selbstmitleid ist schwer, klebrig und führt oft zum Rückzug. Man will niemanden sehen, man schämt sich für sein Leid und leidet eben unter sich selbst - statt sich selbst zu fühlen. 


Was im Körper passiert, wenn Du im Selbstmitgefühl bist

Der TK Stressreport 2025 hält fest, dass sich 66 Prozent der Menschen in Deutschland häufig oder manchmal gestresst fühlen, ein Wert, der seit Jahren steigt. Für viele ist Anspannung kein Ausnahmezustand mehr, sondern Grundton.
Hier wirkt Selbstmitgefühl auf eine Weise, die sich messen lässt: Schon 2008 zeigten Rockliff und Kolleg:innen, dass Menschen nach einem Selbstmitgefühlstraining einen niedrigeren Cortisolspiegel aufwiesen, also eine körperlich verankerte Beruhigung und nicht bloß ein besseres Gefühl. Eine Forschungsarbeit aus dem Jahr 2025 hat den Zusammenhang zwischen Selbstmitgefühl, dem Stresshormon Cortisol und dem subjektiven Stresserleben weiter untersucht und deutet in dieselbe Richtung.
Das ergibt Sinn, wenn man versteht, wie das Stresssystem arbeitet. Der Körper unterscheidet kaum, ob die Bedrohung von außen kommt oder aus dem eigenen Kopf. Eine harsche innere Stimme löst dieselbe Alarmreaktion aus wie eine Gefahr von draußen: Das Herz schlägt schneller, der Cortisolspiegel steigt. Wer ständig gegen sich selbst spricht, hält diesen Alarm leise im Dauerbetrieb. Selbstmitgefühl ist das Signal, das ihn herunterfährt, und wirkt damit bis in die Körperchemie hinein.


Warum Dein Selbstmitgefühl auch Deine Beziehung verändert


Dieser Befund erklärt viel von dem, was ich in der Beratung immer wieder beobachte. Eine Studie der Universität Bamberg und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg aus dem Jahr 2024 hat als erste systematisch geprüft, wie sich Selbstmitgefühl in Paaren wechselseitig auswirkt. Das Ergebnis aus 209 Paaren: Das Selbstmitgefühl einer Person hängt mit ihrer eigenen Zufriedenheit zusammen und ebenso mit der Beziehungszufriedenheit der Partnerin oder des Partners.

Auf den ersten Blick überrascht das. Warum sollte die Art, wie ich mit mir selbst umgehe, etwas damit zu tun haben, wie wohl Du Dich mit uns fühlst? Beim zweiten Hinsehen wird es nachvollziehbar. Der Maßstab, den Du an Dich selbst anlegst, wird sozusagen zu der Luft, die eure Beziehung atmet. Wer eigene Fehler nur mit Härte beantworten kann, reicht diese Härte im Streit oft weiter, ohne es zu wollen. Wer sich selbst keinen Spielraum lässt, hat ihn selten für das Gegenüber übrig.

Corina Aguilar-Raab beschreibt in ihrem 2026 in der Fachzeitschrift Familiendynamik erschienenen Beitrag, dass Mitgefühl in Partnerschaften mehr ist als die Wahrnehmung, dass der andere leidet. Es beinhaltet eben auch die intrinische Motivation, sich dem anderen zuzuwenden, wenn es ihm/ihr nicht gut geht. Statt direkt in die Schuldzuweisung zu gehen: "Daran bist Du selbst schuld, ich kann Dir da nicht helfen!" oder aber in den Lösungsmodus zu wechseln: "Dann sag doch einfach ab!" oder "Dann schraub Deine Ansprüche halt runter!" (was subtil eben auch auf das Schuldgefühl des Betroffenen einzahlt und somit einmal mehr das Selbstmitegfühl verhindert. Denn wenn ich selber Schuld habe, dann schäme ich mich meist auch dafür.  Und genau damit arbeite ich eben auch in der Einzelbegleitung und der Paartherapie, ich möchte verstehen, statt Lösungen zu finden und meine personzentrierte Haltung, mein Mitgefühl öffnet sozusagen die Tür zum Selbstmitgefühl.


Wo Selbstmitgefühl missverstanden wird


Ein verbreiteter Einwand lautet, Selbstmitgefühl würde uns verweichlichen, nachlässig werden lassen. Und Selbstmitgefühl wird oft mit Selbstmitleid verwechselt. Die Forschung belegt jedoch das Gegenteil: Wer sich nicht für jeden Fehler abstraft, traut sich eher, Fehler überhaupt anzuschauen und Verantwortung dafür zu übernehmen. Und das ergibt Sinn, ich muss mich nicht mhr vor Selbstverantwortung drücken oder mich vom Scham lähmen lassen, sondern kann mir Fehler und Makel eingestehen. Neff beschreibt neben der sanften auch eine aktive, energische Seite, ein klares Einstehen für die eigenen Bedürfnisse, das im Zweifel auch Grenzen zieht. Selbstmitgefühl ist damit weniger die Hängematte der Komfortzone, im Gegenteil, es ermöglicht Dir eine Stabilität in Dir selbst - unabhängig vom Ort. 


Selbstmitgefühl ist erlernbar


Die vielleicht wichtigste Nachricht: Selbstmitgefühl ist keine Begabung, mit der manche zur Welt kommen und andere nicht. Es ist eine Fertigkeit, die man übt, ähnlich wie eine Sprache. Niemand spricht sie vom ersten Tag an fließend, und doch wird sie mit der Zeit selbstverständlicher. Einige von uns lernen sie bereits als Kinder, durch die Art wie mit uns umgegangen wird, wenn wir leiden. Ist da eine sichere Bezugsperson, die eine Ruhe ausstrahlt uns ernst nimmt und unsere Not (mit)aushält? Kurz: die mitfühlend ist - ohne im Leid zu versinken? Oder ist die Bezugsperson eher unsicher gewesen und hat je nach Stresspegel und Situation mal liebevoll und mal mit Schuldzuweisung reagiert? Wurden Sätze gesagt wie: "Tja, da bist Du selbst schuld, ich habe Dir gesagt, dass Du nicht so schnell rennen sollst!" oder wurde Deine Bezugsperson oft selbst ganz kribbelig, hat fast mehr gelitten als Du, sodass Du eher sie trösten musstest und signalisieren musstest, dass es alles halb so wild ist und Deine Not somit schon als Kind bagatellisiert hast, damit Du keine Belastung darstellst?


Das bekannteste strukturierte Angebot ist das achtwöchige Programm Mindful Self-Compassion von Kristin Neff und Christopher Germer. Studien dazu zeigen, dass Achtsamkeit und Selbstmitgefühl bei den Teilnehmenden zunahmen und diese Veränderung noch ein Jahr nach Kursende messbar war, abhängig davon, wie regelmäßig geübt wurde. Eine Sprache verlernt man schließlich auch, wenn man sie nie spricht. Ich selbst habe mich damit bisher nicht näher auseinandergesetzt und habe auch noch keine Erfahrungen diesbezüglich gehört. Die Erwähnung hier, dient also weniger der expliziten Empfehlung, als der Vollständigkeit.

Denn Selbstmitgefühl ist vor allem dadurch erlernbar, dass wir es erfahren. Dass uns jemand zeigt, dass wir liebenswert sind, dass es 'gute' nachvollziehbare Gründe für Dein vielleicht schambehaftetes Verhalten gibt. Jemand der sich Dir bedingungslos positive zuwendet (Akzeptanz), nicht urteilt, nicht bewertet, sondern der verstehen will (Empathie) und es auch so meint (Kongruenz). 

Carl Rogers nannte die Kraft dahinter Aktualisierungstendenz: das Vertrauen darauf, dass ein Mensch sich entfaltet, sobald die Bedingungen stimmen. Selbstmitgefühl ist eine dieser Bedingungen. Es heilt nichts auf Knopfdruck, aber es schafft den Boden, auf dem Heilung wachsen kann, durch korrigierende Erfahrungen, in denen Du erlebst, dass Du auch mit Deinen Themen, Makeln, Schwächen, Erfahrungen, Glaubenssätzen und Besonderheiten willkommen bist.
Wenn Du gerade merkst, wie hart Deine innere Stimme manchmal mit Dir umgeht: Diese Stimme ist ein erlernter Reflex, und Reflexe lassen sich verändern. Vielleicht magst Du beim nächsten Missgeschick einen Moment innehalten und Dir überlegen, was Du einer guten Freundin in derselben Lage sagen würdest. Falls Du Dir dabei Begleitung wünschst, bin ich gerne für Dich da und weil das manchmal mit einer längeren Wartezeit einhergeht, bieten auch (angehende) KollegInnen Termine über mein Buchungssystem an.


Quellen

Körner, R. et al. (2024) — Personal Relationships 31(2), 333–357 — DOI: 10.1111/pere.12535

Aguilar-Raab, C. (2026) — Familiendynamik 51(2), S. 128–137 — DOI: 10.21706/fd-51-2-128

Neff, K. D. (2023) — Annual Review of Psychology 74:193–217 — DOI: 10.1146/annurev-psych-032420-031047

TK Stressreport 2025 — Techniker Krankenkasse / MBSR-Verband

Rockliff, H. et al. (2008) — Cortisol-Reduktion durch Selbstmitgefühlstraining (zit. n. Körner 2024)

Forschungsarbeit 2025 (Föhrweiser) — Selbstmitgefühl, Cortisol, subjektives Stresserleben - vorläufig