Klientenzentrierte Gesprächsführung: Beispiele
Klientenzentrierte Gesprächsführung nach Carl Rogers bedeutet, einem Menschen so zu begegnen, dass sein eigenes Erleben im Mittelpunkt steht. Empathisches Verstehen, bedingungslose positive Zuwendung und Kongruenz prägen diese Beziehung. Wie jemand zuhört und antwortet, ist Ausdruck dieser Haltung. Bestimmte Formulierungen allein machen ein Gespräch noch nicht personzentriert.
Das klingt zunächst verständlich. Schwieriger wird es, wenn jemand vor Dir sitzt und etwas erzählt, auf das Du reagieren möchtest. Wie lässt sich zeigen, dass Du versuchst zu verstehen? Wann hilft es, etwas zusammenzufassen? Und wann wird aus einer vermeintlich einfühlsamen Antwort bereits eine Erklärung, die vor allem aus Deinem eigenen Kopf stammt?
Schauen wir auf ein Beispiel personzentrierter Gesprächsführung
Alle folgenden Dialoge sind eigens entwickelte, fiktive Lernbeispiele. Sie veranschaulichen Unterschiede; sie sind keine Musterlösungen für echte Menschen.
Ein Beispiel: derselbe Satz, fünf mögliche Antworten
Eine Person erzählt: »Alle sagen, ich soll mich über die neue Stelle freuen. Aber ich liege nachts wach und denke: Hoffentlich merken die nicht, dass ich das gar nicht kann.«
- Vielleicht entsteht sofort der Impuls, Mut zu machen: Schließlich wurde die Person eingestellt, irgendetwas wird sie also können.
- Vielleicht möchtest Du nach ihren Qualifikationen fragen.
- Oder Du kennst dieses Gefühl selbst und bist gedanklich schon bei Deiner eigenen Geschichte.
Was könnte in den verschiedenen Antworten liegen?
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Antwortform | Mögliche Antwort | Einordnung für dieses Beispiel |
Vorschneller Ratschlag | »Schreib Dir doch mal auf, was Du alles kannst. Das stärkt Dein Selbstvertrauen.« | Bietet eine Handlung an, bevor geklärt ist, was die neue Stelle für die Person so belastend macht. |
Bloße Wiederholung | »Du liegst nachts wach und denkst, dass Du das nicht kannst.« | Greift die Worte auf. Routiniert gesprochen kann das mechanisch wirken; aufmerksam gesprochen kann es durchaus Verstehen ausdrücken. |
Sachliche Zusammenfassung | »Die neue Stelle beschäftigt Dich nachts so sehr, dass Du wach liegst.« | Ordnet den Inhalt. Die persönliche Bedeutung wird damit noch nicht unbedingt erfasst. |
Deutung | »Du suchst ständig Anerkennung, weil Du sie früher nicht bekommen hast.« | Legt ein Muster und dessen Ursache fest. Beides hat die Person bisher nicht beschrieben. |
Empathisches Verstehensangebot | »Alle sehen vor allem den Erfolg. Und Du bist gerade damit beschäftigt, ob Du der Aufgabe überhaupt gewachsen bist?« | Versucht, die Spannung zwischen den Reaktionen anderer und dem eigenen Erleben aufzugreifen. Die Person kann prüfen, ob das passt. |
Die letzte Antwort ist kein besonders geschickter Trick. Sie könnte zutreffen. Sie könnte aber auch vorbeigehen, weil es der Person weniger um die Aufgabe als um die neue Verantwortung, die Probezeit oder den bevorstehenden Umzug geht.
Und die kurze Wiederholung kann im tatsächlichen Gespräch hilfreicher sein als die ausführlichere Antwort. Vielleicht wurde der Satz gerade zum ersten Mal ausgesprochen und braucht zunächst jemanden, der ihn wirklich hört.
Antworttiefen sind keine Rangliste. Mehr Worte und mehr angesprochene Gefühle bedeuten nicht automatisch mehr Empathie. Entscheidend ist, ob die Antwort dem Erleben dieser Person nahekommt.
Spiegeln nach Rogers: das eigene Verstehen überprüfen
Mit »Spiegeln« wird Unterschiedliches bezeichnet: Worte wiederholen, Gefühle benennen oder Körpersprache nachahmen. Für den Personzentrierten Ansatz ist diese Unterscheidung wesentlich.
Carl Rogers kritisierte 1986 selbst, dass das Spiegeln von Gefühlen als starre Technik vermittelt werde, bei der Lernende die vermeintlich richtige Antwort finden sollen. Er beschrieb sein eigenes Anliegen anders: Er wolle überprüfen, ob sein Verständnis der inneren Welt des Gegenübers tatsächlich dessen gegenwärtigem Erleben entspreche.
Eine Rückmeldung ist in diesem Sinn ein Verstehensangebot. Ich teile mit, was bei mir angekommen ist, und bleibe bereit, mich korrigieren zu lassen. Ich versuche weder, eine bestimmte Reaktion hervorzurufen, noch der Person zu erklären, was sie eigentlich fühlt.
Auch eine kurze Wiederholung kann empathisch sein
Person: »Das war einfach zu viel.«
Antwort: »Zu viel.«
Auf dem Papier wirkt das zunächst wenig spektakulär. Im Gespräch kann es genau passen: Jemand nimmt die Überforderung auf, lässt den Satz stehen und füllt die Pause nicht sofort mit einem Vorschlag. Dieselben Worte können allerdings auch beiläufig, gelangweilt oder wie eine eingeübte Pflicht klingen. Aus dem Wortlaut allein lässt sich die Qualität der Begegnung deshalb nur begrenzt beurteilen.
Mir ist diese Unterscheidung wichtig, weil sonst beim Lernen ein neuer Leistungsdruck entsteht: möglichst tief antworten, möglichst treffend ein Gefühl benennen, möglichst viel hinter einem Satz entdecken. Dabei kann gerade dieser Anspruch dazu führen, dass das Gegenüber aus dem Blick gerät.
Eine Korrektur gehört zum Gespräch
Nehmen wir das Beispiel mit der neuen Stelle. Auf das Verstehensangebot könnte die Person antworten: »An der fachlichen Arbeit liegt es eigentlich nicht. Ich habe Angst davor, vor dem ganzen Team sprechen zu müssen.«
Eine mögliche Reaktion wäre: »Du meinst vor allem die Situationen, in denen Du vor allen sprechen sollst?«
Damit verändert sich das gemeinsame Verständnis. Die erste Antwort war zu allgemein. Jetzt wird deutlicher, worum es geht. Problematisch wäre, die ursprüngliche Einschätzung zu verteidigen: »Ja, aber dahinter steckt doch trotzdem mangelndes Selbstvertrauen.« Dann hätte die Deutung bereits mehr Gewicht als die Rückmeldung der Person.
Rogers beschreibt Empathie als einen fortlaufenden Prozess, in dem das eigene Verstehen überprüft und an den Antworten des Gegenübers ausgerichtet wird. Eine Korrektur darf deshalb tatsächlich etwas verändern.
Paraphrasieren: Wann hilft eine Zusammenfassung?
Paraphrasieren bedeutet zunächst, das Gehörte in eigenen Worten wiederzugeben. Das kann helfen, einen längeren Gedankengang zu ordnen, Missverständnisse zu klären oder einen gemeinsamen Überblick herzustellen.
Eine sachlich richtige Zusammenfassung ist jedoch nicht automatisch empathisches Verstehen. Sie kann den Ablauf erfassen und trotzdem an dem vorbeigehen, was die Situation für den Menschen persönlich schwierig macht.
Zum Beispiel:
»Ich habe das Treffen abgesagt. Ich brauchte einfach einen Abend für mich. Jetzt denke ich die ganze Zeit, dass ich egoistisch bin.«
Eine inhaltliche Zusammenfassung könnte lauten:
»Du hast abgesagt, um einen Abend allein zu verbringen, und machst Dir jetzt Vorwürfe.«
Das gibt den Inhalt nachvollziehbar wieder, Ein mögliches empathisches Verstehensangebot wäre:
»Du brauchst diese Pause, und gleichzeitig fällt es Dir schwer, sie Dir zuzugestehen?«
Die erste Antwort oder Inteverntion ist nicht falsch, sondern vor allem dann hilfreich, wenn ich als Beraterin tatsächlich selbst noch gar nicht vertieft verstehe, fühle, worum es da gehen könnte. Die zweite Antwort versucht, die innere Spannung aufzugreifen. Vielleicht trifft sie etwas und die Person wird vielleichr direkt emotional. und vielleicht sagt die Person aber: »Doch, die Pause gestehe ich mir zu. Ich ärgere mich darüber, dass ich so kurzfristig abgesagt habe.« Dann geht es möglicherweise um Verbindlichkeit und Rücksichtnahme. Das wäre etwas anderes.
Eine Antwort oder Reaktion dient immer dem Zweck zu genauern. Dafür braucht es die Rückmeldung der Person und sowohl Zustimmung als auch Ablehnung sind hilfreich.
Sachliche Klarheit kann genau das Richtige sein
Wenn jemand in einer Fachberatung wissen möchte, welche Unterlagen für einen Antrag fehlen, kann eine präzise Zusammenfassung völlig angemessen sein. Das Gespräch muss nicht auf eine emotionale Ebene gebracht werden, die die Person gerade gar nicht sucht.
Als praktische Orientierung hilft die Frage: Was braucht hier Klärung? Ein Sachverhalt, eine Entscheidung, eine persönliche Bedeutung? Oder ist das noch offen?
Personzentriertes Interesse schließt diese Offenheit ein. Auch das Bedürfnis nach einer konkreten Information verdient es, ernst genommen zu werden.
Was unterscheidet ein Verstehensangebot von einer Deutung?
Ein empathisches Verstehensangebot bleibt möglichst nah an der Erfahrungswelt des Gegenübers. Eine Deutung führt eine zusätzliche Erklärung ein, etwa über verborgene Motive, biografische Ursachen oder vermeintlich typische Verhaltensmuster.
Die Grenze ist nicht immer eindeutig. Schon beim Zusammenfassen wählen wir aus, was wir wichtig finden. Wir bringen unsere Wahrnehmung mit. Es hilft deshalb wenig, sich selbst für vollständig deutungsfrei zu halten - im Gegenteil, sich darüber bewusst zu werden ist wichtig, um dann auch selbst ein Gesprü dafür zu bekommen und es vielleicht auch zu benennen, dass die Reaktion, vielleicht etwas arg deutend ist.
Im Gespräch lässt sich genauer hinschauen:
- Was hat die Person selbst beschrieben? Im ersten Beispiel sind die neue Stelle, das Wachliegen und Zweifel an der eigenen Fähigkeit benannt.
- Was ergänze ich? Eine fehlende Anerkennung in der Kindheit wäre zunächst meine Erklärung.
- Wie überprüfbar bleibt meine Antwort? Kann die Person sagen, dass etwas nicht stimmt, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen?
- Was mache ich anschließend? Ändere ich mein Verständnis oder versuche ich, meine erste Idee doch noch bestätigt zu bekommen?
Ein »vielleicht« vor einer weitreichenden Deutung macht sie noch nicht zu einem personzentrierten Angebot. Die Bereitschaft zur Korrektur zeigt sich auch darin, wie das Gespräch weitergeht.
Die Haltung hinter den Antworten: Rogers kompakt
»Personzentriert« ist die neuere Bezeichnung für den Ansatz. »Klientenzentriert« wird weiterhin verwendet. Beide Begriffe begegnen Dir deshalb auch bei der Suche nach Gesprächsführung nach Carl Rogers. [1]
Zum Menschenbild gehört die Aktualisierungstendenz: die theoretische Annahme einer grundlegenden Tendenz zur Erhaltung und Entfaltung eigener Möglichkeiten. Das bedeutet weder, dass jedes Verhalten gut ist, noch dass Menschen unter beliebigen Bedingungen allein zurechtkommen.
Die drei bekannten Grundhaltungen beschreiben ein zusammenhängendes Beziehungsangebot:
- Empathie: Ich versuche, Deine innere Bezugswelt zu verstehen, ohne sie mit meiner eigenen gleichzusetzen.
- Bedingungsfreie positive Beachtung: Meine Achtung vor Dir als Person hängt nicht davon ab, ob Du meinen Vorstellungen entsprichst.
- Kongruenz: Ich bin mir meines eigenen Erlebens in der Beziehung bewusst und begegne Dir ohne Fassade. [3, 4]
Verstehen braucht Achtung und Respekt vor der Person und ein echtes Gegenüber. Die drei Haltungen lassen sich deshalb nicht sinnvoll wie voneinander unabhängige Werkzeuge einsetzen.
Warum drei Grundhaltungen nicht die ganze Beziehung beschreiben
Rogers formulierte 1957 sechs Bedingungen für konstruktive Persönlichkeitsveränderung in der Psychotherapie:
- Zwei Personen stehen in psychologischem Kontakt.
- Die Klient:in erlebt Inkongruenz, eine Spannung zwischen Erleben und Selbstbild, und ist verletzlich oder ängstlich.
- Die Therapeut:in ist in der Beziehung kongruent.
- Sie empfindet bedingungsfreie positive Beachtung.
- Sie versteht die innere Bezugswelt der Klient:in empathisch und bemüht sich, dieses Verstehen mitzuteilen.
- Empathie und positive Beachtung erreichen die Klient:in zumindest in einem Mindestmaß.
Rogers stellte dies als überprüfbare theoretische Hypothese auf. Die Bedingungen sollen über eine gewisse Zeit bestehen; daraus folgt kein Erfolgsversprechen für jedes Gespräch.
Die drei Grundhaltungen sind also Teil umfassenderer Beziehungsbedingungen. Für die Praxis dieses Artikels ist besonders relevant: Meine gute Absicht allein sagt noch nicht, ob sich mein Gegenüber verstanden erlebt.
Den theoretischen Hintergrund findest Du ausführlicher im Beitrag Der Personzentrierte Ansatz nach Carl Rogers.
Vier weitere Beispiele für personzentrierte Gesprächsführung
Die folgenden Situationen übertragen die Haltung auf unterschiedliche Kontexte. Welche Antwort angemessen ist, hängt auch vom Auftrag, von der Beziehung und von der Verantwortung der beteiligten Personen ab.
Beratung: bei einer schwierigen Stelle hängen bleiben
»Eigentlich lief das Gespräch gut. Aber ich denke immer nur an diesen einen blöden Satz, den ich gesagt habe.«
Weniger hilfreich: »Sei doch nicht so streng mit Dir. Niemand ist perfekt.«
Ein mögliches Verstehensangebot: »Es gab vieles, das gut lief. Und trotzdem bleibt Deine Aufmerksamkeit bei dieser einen Stelle hängen?«
Die Antwort nimmt auf, wie die Person das Gespräch gerade verarbeitet. Sie verlangt nicht, die eigene Bewertung sofort aufzugeben. Im weiteren Austausch könnte verständlicher werden, was an diesem Satz so belastend ist: die Sorge, jemanden verletzt zu haben, Scham oder etwas ganz anderes.
Eine beruhigende Antwort kann ebenfalls willkommen sein. Nur wissen wir das noch nicht, bevor wir verstanden haben, worum es geht udn wie will ich eine Angst beruhigen, die ich gar nicht kenne?
Pädagogik: Kind weigert sich
»Ich frage nicht noch mal. Beim letzten Mal hieß es, ich hätte wieder nicht zugehört.«
Weniger hilfreich: »Dann musst Du Dich eben trauen zu fragen.«
Ein mögliches Verstehensangebot: »Noch einmal zu fragen fühlt sich gerade so an, als würdest Du nur wieder in die gleiche Falle tappen?«
Damit wird die mögliche Bedeutung des erneuten Fragens angesprochen. Ob sie stimmt, bleibt offen. Vielleicht fehlt auch das Vertrauen, dass eine weitere Erklärung überhaupt verständlicher wird.
Eine pädagogische Fachkraft kann anschließend konkret Unterstützung anbieten: »Wir können uns die Aufgabe zusammen ansehen.« Verstehen und fachliche Hilfe gehören hier durchaus zusammen.
Führung: wenn eine Mitarbeiterin Absprachen nicht einhält
Die Übergabedokumentation fehlt wiederholt. Kolleg:innen berichten außerdem, dass sie in Besprechungen häufig unterbrochen werden.
Führungskraft: »Bei den Übergaben am Montag und Donnerstag hat Deine Dokumentation gefehlt. Aus dem Team höre ich außerdem, dass Kolleg:innen in Besprechungen nicht zu Ende sprechen können. Ich möchte mit Dir klären, was da passiert. Wie erlebst Du die Situation?«
Mitarbeiterin: »Für die Dokumentation bleibt bei der Arbeit kaum Zeit. Und wenn ich in der Besprechung nicht direkt etwas sage, hört wieder niemand, dass dieser Ablauf nicht funktioniert.«
Führungskraft: »Du erlebst die Vorgaben als schwer umsetzbar und hast den Eindruck, dass Deine Einwände sonst untergehen? Lass uns konkret ansehen, wo es bei der Übergabe hakt. Zugleich brauche ich die Dokumentation, und in den Besprechungen müssen auch die anderen ausreden können. Ich schaue mit Dir, ob wir Aufgaben anders verteilen müssen.«
Warum das personzentriert sein kann: Die Führungskraft macht aus »störend« kein Urteil über die Person. Sie benennt überprüfbares Verhalten, hört sich die Sicht der Mitarbeiterin an und übernimmt Verantwortung für die Arbeitsbedingungen. Die vereinbarten Anforderungen bleiben klar.
Diese Verbindung von Beziehung, Grenzen und Entscheidungen vertiefe ich im Artikel Was der Personzentrierte Ansatz Führungskräften bieten kann.
Gesprächshilfen nutzen, ohne das Gegenüber zu lenken
Offene Fragen, Zusammenfassungen und Rückmeldungen können hilfreich sein. Sie werden allerdings schnell zu einem Umweg, auf dem wir jemanden doch noch zur eigenen Vorstellung bewegen möchten.
»Was brauchst Du, damit Du endlich Nein sagst?« klingt zunächst interessiert. Die gewünschte Richtung steht aber bereits fest. Vielleicht möchte die Person gar nicht Nein sagen. Vielleicht möchte sie klären, unter welchen Bedingungen sie Ja sagen kann.
Auch Gefühle sollten nicht als festgestellte Tatsachen mitgeteilt werden. Wenn jemand lächelt und dabei von einer Enttäuschung erzählt, wissen wir noch nicht, was das Lächeln bedeutet. Es kann Unsicherheit ausdrücken, Abstand schaffen oder schlicht zu dieser Person gehören. Du kannst in dem Fall gerne auf Deine Kongruenz zurückgreifen und Deine Beobachtung ansprechen oder sagen, dass Du gerade unsicher bist, wie Du das einordnen kannst.
Und manchmal braucht es eine Grenze: »Ich möchte verstehen, was Dich ärgert. Und ich möchte dabei nicht beschimpft werden.« Die Achtung vor einer Person bedeutet keine Zustimmung zu jedem Verhalten. Ebenso wenig verpflichtet eine personzentrierte Haltung dazu, auf fachliche Informationen, einen Zeitrahmen oder verbindliche Absprachen zu verzichten. Hierzu gibt es viele Missverständnisse, nur weil ich etwas verstehe, bedeutet das noch lange nicht, dass auch dulden oder gutheißen zu müssen.
Bei akuter Gefährdung oder einer Krise, die den eigenen Auftrag und die eigene Kompetenz übersteigt, braucht es die zuständige fachliche Hilfe. Eine hilfreiche Gesprächshaltung ersetzt diese Verantwortung nicht.
Eine kleine Übung: Was habe ich verstanden, was ergänzt?
Wähle eine der Aussagen aus diesem Artikel und formuliere zunächst eine eigene Antwort. Lies sie anschließend noch einmal mit drei Fragen:
- Welchen Teil des Erlebens habe ich aufgegriffen?
- Was habe ich hinzugefügt, obwohl die Person es nicht gesagt hat?
- Wie würde ich reagieren, wenn sie antwortet: »Nein, so ist es nicht«?
Du kannst die Übung auch mit einer anderen Person und einem überschaubaren Alltagsthema ausprobieren. Anschließend gibt die erzählende Person Rückmeldung: Wo fühlte sie sich verstanden? Wo fehlte etwas? Wo wurde bereits eine Richtung vorgegeben?
Es geht dabei um Wahrnehmung und Rückmeldung. Auch in der Fachliteratur werden theoretisches Verständnis, praktische Übung und Erfahrungslernen miteinander verbunden.
Das Wichtigste für die Praxis: Eine Zusammenfassung kann Klarheit schaffen; ein empathisches Verstehensangebot versucht außerdem, die persönliche Bedeutung zu erfassen. Beides darf korrigiert werden. Ob eine Antwort personzentriert ist, zeigt sich im Zusammenhang von Haltung, Beziehung und weiterem Gespräch.
Personzentrierte Gesprächsführung fundiert lernen
Ein Artikel kann Unterschiede verständlich machen. Im Gespräch fällt dann vielleicht auf, wie schwer es ist, eine Pause zuzulassen oder die eigene gute Idee erst einmal zurückzustellen. Genau dort beginnt ein Lernen, das über Formulierungen hinausgeht. In meiner Personzentrierten Weiterbildung verbinden sich theoretische Grundlagen mit Selbsterfahrung, praktischen Gesprächssituationen, Reflexion und Supervision. Die Weiterbildung ist in drei aufeinander aufbauende Module gegliedert. Dabei werden auch eigene Gesprächsverläufe betrachtet und Erfahrungen gemeinsam ausgewertet.
Du kannst die Haltung also nicht nur gedanklich nachvollziehen, sondern in Beziehungen erproben und Rückmeldung dazu bekommen, wie Dein Beziehungsangebot ankommt.
Wenn Du diese Form der Gesprächsführung vertiefen möchtest, findest Du hier Informationen zu Aufbau und Didaktik der Personzentrierten Weiterbildung.
Häufige Fragen zu Spiegeln, Paraphrasieren und Gesprächsführung nach Rogers
Welche Techniken gehören zur klientenzentrierten Gesprächsführung?
Häufig genannt werden Zuhören, Paraphrasieren, Rückmeldungen zu Gefühlen und Bedeutungen sowie klärende Fragen. Ihre äußere Form reicht jedoch nicht aus. Entscheidend ist, ob sie ein echtes Bemühen um Verstehen ausdrücken und der Person Raum lassen, das eigene Erleben zu klären.
Was ist Spiegeln in einem Gespräch?
Personzentriert verstanden heißt Spiegeln, das eigene Verständnis behutsam mitzuteilen und überprüfen zu lassen. Es kann mit den Worten des Gegenübers oder mit eigenen Worten oder Bildsprache geschehen. Mechanisches Wiederholen und das Nachahmen von Körpersprache sind damit nicht gemeint.
Was ist ein einfaches Beispiel für Paraphrasieren?
Auf »Ich habe drei Zusagen für denselben Tag und weiß nicht, wie ich das schaffen soll« könnte die Zusammenfassung lauten: »Für diesen Tag ist mehr zusammengekommen, als Du gerade bewältigen kannst.« Ob damit auch die persönliche Bedeutung erfasst ist, bleibt zunächst offen.
Muss ich immer Gefühle benennen?
Nein. Eine Rückmeldung kann auch einen Wunsch, eine Unsicherheit oder einen inneren Widerspruch aufgreifen. Manchmal passt eine sachliche Klärung oder eine Pause besser. Ein benanntes Gefühl sollte ein prüfbares Angebot bleiben.
Darf ich Ratschläge oder Informationen geben?
Ja, wenn sie zum Anliegen und zur eigenen Rolle passen. Hilfreich ist, zu klären, ob die Person gerade Information, eine Empfehlung oder zunächst Raum zum Erzählen sucht. Ein Rat sollte als solcher erkennbar bleiben und nicht als vermeintlich empathische Frage verkleidet werden. Also wenn eine Frau von der Überforderung beim Einkaufen erzählt und Du fragst: "Hast Du schon mal den Lieferdienst von XY ausprobiert?" ist das ein Ratschlag und nicht im personzentrierten Sinne.
Was mache ich, wenn mein Gegenüber sich nicht verstanden fühlt?
Die Rückmeldung ernst nehmen und genauer zuhören. Du kannst benennen, dass Du etwas anders verstanden hattest, und Raum dafür geben, dass die Person Dein Verständnis korrigiert. Es ist nicht nötig, die gute Absicht hinter Deiner ersten Antwort zu verteidigen.
Kann ich personzentrierte Gesprächsführung allein lernen?
Lesen und Selbstreflexion können einen Einstieg bieten. Für professionelle Anwendung sind begleitetes Üben, Selbsterfahrung und Rückmeldung wesentlich. Wie Dein Zuhören bei anderen ankommt, kannst Du nur begrenzt aus Deiner eigenen Perspektive beurteilen.
Quellen & Literatur
- Rogers, C. R. (1986): Reflection of Feelings. Person-Centered Review, 1(4). Originaltext im Archiv der ADPCA.
- Rogers, C. R. (1975): Empathic: An Unappreciated Way of Being. The Counseling Psychologist, 5(2). DOI: 10.1177/001100007500500202.
- Rogers, C. R. (1957): The necessary and sufficient conditions of therapeutic personality change. Journal of Consulting Psychology, 21(2), 95-103. DOI: 10.1037/h0045357.
- Weinberger, S. (2013): Klientenzentrierte Gesprächsführung. Lern- und Praxisanleitung für psychosoziale Berufe. 14., überarbeitete Auflage. Beltz Juventa.